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Raymond Aron (vorne) im Jahre 1928 (Foto: Familie Aron)



Raymond Arons Analysen zum Nationalsozialismus

Aus Anlass des 60. Jahrestags des Endes des 2. Weltkrieges

Aron war zwischen 1930 und 1933 in Deutschland, zunächst in Köln, anschließend, von 1931- 1933 in Berlin. Zweck seines Aufenthalts war das Studium der deutschen Philosophie und Soziologie. Gleichzeitig wurde er Augenzeuge des Zerfalls der Weimarer Republik und des Aufstiegs des Nationalsozialismus. Aus Anlass des 60. Jahrestags des Endes des 2. Weltkrieges werden hier in den kommenden Wochen und Monaten noch einmal Raymond Arons Analysen über Deutschland und den Nationalsozialismus zugänglich gemacht, die größtenteils parallel zu den Ereignissen verfasst wurden. Den Auftakt macht ein Text vom Februar 1931 (siehe am Ende dieser Website). Den Abschluss wird ein Leitartikel vom Februar 1983 bilden, in dem Aron das Gerichtsurteil gegen den Gestapo-Offizier Klaus Barbie kommentiert.





Raymond Aron um 1976



Nachfolgenden Artikel schrieb Aron Anfang Juni 1932 aus Berlin für eine in Paris erscheinende Zeitschrift. Der Artikel drückt Arons Beunruhigung, ja Erschütterung darüber aus, dass Reichspräsident Hindenburg das Kabinett Brüning entlassen und von Papen berufen hatte. Damit sei den Nationalsozialisten der Weg zur Macht geebnet. Angesichts dieser Entwicklung empfiehlt Aron den französischen Politikern eine Politik der Stärke.

Text Nr. 14, Libres Propos, Juni 1932

Brief aus Deutschland

Berlin, den 1.Juni 1932

Der von den Sozialdemokraten, den Katholiken und den Bürgerlich-Gemä­ßigten gegen den Faschismus gewählte Marschall Hindenburg hat gerade urplötzlich Brüning entlassen und von Papen berufen, womit er den Nazis den Erfolg quasi gesichert hat. Man sollte diesen Greis nicht mit billigen Vorwürfen überhäufen. Er handelt entsprechend seiner Vorstellungswelt. Seine Freunde, die Adligen und Generäle, haben ihn davon zu überzeugen gewußt, daß, um dem Willen der Massen zu entsprechen, eine Regierung der nationalen Koalition unumgänglich war. Man vertraute dem Einfluß, den die starke Persönlichkeit Brünings auf ihn hatte gewinnen können. Zu Unrecht hat man die Intelligenz dieses pensionierten Militärs überschätzt, zu Unrecht auch unterschätzte man die Kraft der Kastenvorurteile. Gegen Ende der preußischen Traditionen verstummt vielleicht nicht die Stimme der Pflicht, aber der Sinn für die politischen Notwendigkeiten.

Das ist eine Tatsache. Und in anderen Zeiten würde man sich über ihre Lächerlichkeit lustig machen. Eine Clique von ausrangierten Adligen, die auf ihren Landgütern vom zunehmenden Gewicht des nationalen Interesses be­droht sind, und eine Bande von Generälen, die sich berufen glauben, die Rolle eines Napoleon zu spielen, haben ihren Einfluß ausgenutzt, um die letzte Barriere zu beseitigen, die vorläufig noch den nationalsozialistischen Vormarsch aufgehalten hat. Im Namen des nationalen Gewissens bemächti­gen sich diese Privilegierten aus einer versunkenen Zeit, diese nutzlosen, egoistischen und blinden Überlebenden einer toten Epoche und Gesellschaft der Staatsgewalt in der deutschen Republik. Sie riskieren in hohem Maße, daß sie die Opfer der von ihnen entfesselten Kräfte werden. Werden sich die Nazis morgen gegen diese bornierten Reaktionäre wenden? Das ist nicht aus­geschlossen, wenn auch Zweifel daran berechtigt sind. Auf der anderen Seite ist eines sicher: wenn die Nazis nicht Gerechtigkeit walten lassen, dann wird es die Zukunft tun. Die Junker haben gerade wieder schlagend in Erinnerung gerufen, daß sie noch immer dieselben geblieben sind, daß sie nichts dazugelernt und nichts verlernt haben. Die Verachtung, die sie für das Gemeinwohl zeigen, sobald es die Interessen ihrer Kaste verletzt, ist vergeblich hinter na­tionalem Wortgeklingel versteckt. Die deutsche Krise wird - hoffentlich - diese Überbleibsel der Vergangenheit liquidieren. Einmal mehr haben sie die Rolle der Zauberlehrlinge gespielt.

Man hat die Kabinettskrise nicht so rasch erwartet. Man glaubte, daß Brüning sich bis Lausanne halten würde. Aber ein Fehler konnte noch begangen wer­den, und es war zu optimistisch darauf zu zählen, daß die deutschen Politiker ihn vermeiden würden. Der Machtantritt der Nationalsozialisten schien in je­dem Fall unvermeidlich. Aber wenn Brüning geblieben wäre, dann hätten sie sich vielleicht den Bedingungen für eine Zusammenarbeit mit dem Zentrum beugen müssen. Nun, da sie von der Aussicht auf Neuwahlen gestärkt wer­den, bereiten sie sich stolz auf den Triumph vor... oder vielmehr auf ihre Prüfung an der Macht.

Was werden sie tun, wenn sie dorthin gelangen? Niemand weiß es. „Werden Köpfe rollen", wie sich der künftige Diktator ausdrückt? Werden die Juden keine Volksgenossen und Mitbürger mehr sein? Propagandasprü­che werden schnell vergessen. - Ein wichtigeres Faktum ist, daß die Aktien­kurse steigen. Man erwartet von der neuen Regierung eine weniger strenge Finanzpolitik. Hoffnungen (!) auf eine Inflation (zur Finanzierung von Großinvestitionen) haben die Hausse-Spekulanten ermutigt. Es wird auch von einem Miliz-System gesprochen, in dem die Arbeitslosen mangels Ar­beitsplätzen auf dem freien Markt Disziplin erlernen sollen. Schließlich wird ein Moratorium der Auslandszahlungen immer "wahrscheinlicher: der Han­delsbilanzüberschuß ist letzten Monat auf ungefähr achtzig Millionen Mark gefallen; die monatlichen Zahlungen belaufen sich aber auf hundertfünfzig Millionen.

Dies könnten die ersten Vorgänge sein. Alles Übrige bleibt ungewiß. Eine Diktatur Hitlers oder Von Schleichers? Oder von beiden gemeinsam, vereint im Deutschtumsfanatismus und im Haß auf den Sozialismus? Und vor allem, wie werden die Nazis nach ihrem Sieg mit ihren Gegnern umspringen? Wenn die nominellen oder die tatsächlichen neuen Herren die Dinge zu weit trei­ben, indem sie die Sozialgesetzgebung oder die Sozial- oder Arbeiterorgani­sationen antasten, dann werden sie schließlich sogar an die Grenzen der Pas­sivität der deutschen Massen stoßen. Wenn andererseits die Sozialdemokratie sich der Gefahr hinreichend bewußt würde, wenn die Führer der Sozialisten und Kommunisten endlich ihre Gegnerschaft hintanstellten, dann würde die proletarische Einheit, ohne die Diktatur zu verhindern, doch deren verhäng­nisvolle Folgen mindern. Was die gutwilligen Nazis (auch solche kenne ich), sowie die Idealisten und Enthusiasten angeht, die vorgeben, Deutschland zu erneuern und die Nation zu einen, so ist für sie und Deutschland zu wün­schen, daß sie sich möglichst schnell mit dem Recht der Minderheiten be­kannt machen und auch folgende grundlegende Wahrheit erlernen: die Ei­nigkeit erwächst nicht aus der Diktatur und auch nicht aus der Gewalt, son­dern sie erfordert zunächst, daß jedermann menschenwürdige Lebensbedin­gungen erhält. Werden die Nazis imstande sein, solche Bedingungen für alle zu schaffen? Daran werden sie gemessen werden, und nicht an ihrer Ideolo­gie.

Die Aufgabe der französischen Regierung ist einfacher geworden. Die Er­pressung mit der reaktionären Gefahr (seit langem handelte es sich nur noch um Erpressung!) wird Herriot nicht mehr um den Schlaf bringen. Der nächste Durchgang in Lausanne ist im Augenblick ziemlich unwichtig.1 Vielleicht wird man erst mit einem nationalsozialistischen Minister ernsthaft verhan­deln.

Mit Hitler jedenfalls wird die französische Regierung verhandeln müssen. Keine Frage, wir werden in nächster Zeit nicht das zugestehen, was wir jah­relang den Republikanern in Deutschland verweigert haben. Mehr denn je werden wir auf der Hut sein; und wir werden den künftigen Herren nur an­hand ihrer Taten glauben. Das bedeutet, daß wir uns nicht in die deutsche Innenpolitik einmischen sollten. Der Parlamentarismus ist schließlich nicht das einzig gangbare Regime. Herriot hat als Außenminister nicht Hitlers Theorien und Schleichers Machenschaften zu kennen. Er muß bereit sein, mit allen Regierungen zu reden und sollte Formulierungen vermeiden, die eine bereits ziemlich ernste Lage zu verschärfen drohen.2

An der polnischen Grenze könnte es scheinen, als ob auf beiden Seiten das Mißtrauen und der Zorn ihren Höhepunkt erreichen. Seit Wochen jedenfalls tut die Presse auf beiden Seiten alles, um die Gemüter zu erhitzen. Mehr denn je ist eine unbeirrbare Besonnenheit geboten.

Daß nach einem zweijährigen Ringen ein Brüning einem von Papen Platz machen muß, und dies ohne tieferen Grund, als der Willkür des Präsidenten, ein solcher Vorgang beleuchtet sowohl die Agonie der parlamentarischen Republik, als auch die Gefahr der in einer Person konzentrierten Macht.3 Er macht auch ein gerechtes Urteil über Brünings Werk schwieriger: die Unge­rechtigkeit seiner Entlassung und die aggressive Mittelmäßigkeit seines Nachfolgers machen ihn größer und „republikanisieren" ihn, wenn ich so sa­gen darf. Sein Mut bringt gleichwohl seine Fehler nicht zum Verschwinden.

Mit dem Willen zu einer Rechtsregierung an die Macht gekommen, wurde er von den Linken wegen nationalistischer Gewaltsamkeiten verworfen. Aber er verstand nicht zu wählen und konnte nicht wählen zwischen jenen, die ihn angriffen, und jenen, die ihn unterstützten. Niemals mehr gelang es ihm, sei­nen Fehler vom Anfang zu beheben (die Reichstagsauflösung im September 1930).4 Und einer sich immer mehr verschärfenden Krise setzte er nur halb­herzige Maßnahmen entgegen und keinen durchgearbeiteten Plan. Er ist also gescheitert, so wie jeder andere gescheitert wäre. Zu den Heilmitteln gegen die Übel, an denen Deutschland leidet, gehören entweder tiefgreifende Re­formen, oder eine Außenpolitik, die sich wieder zu einem neuen Ton und zu einer neuen Geduld bereit findet. Die Bedeutung des Brüning-Experiments wird von der Zukunft abhängen: ist es die Reifungsperiode vor den ein­schneidenden Veränderungen, oder der vergebliche Widerstand der besonne­nen Bürger, die schließlich dem blinden Eifer das Feld überlassen? Hat es den Anbruch des neuen Deutschland vorbereitet, oder hat es eine Reaktion ohnegleichen, eine brutale Diktatur eingeleitet, oder kündigt es schließlich das Chaos und die Revolution an?

Raymond Aron

p.s. - Berlin, 6. Juni. - Die Zusammenarbeit des Kabinetts von Papen mit den Nazis scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt ausgeschlossen. Andererseits hat diese Rückkehr der Reaktion in ihrer anachronistischsten Gestalt unmittelbar zur Folge gehabt, daß das Zentrum auf die Oppositionsbänke verwiesen wurde. Wenn Hindenburg geglaubt hat, daß er sich zumindest der Neutralität des Zentrums versichern könnte, indem er sich für von Papen entschied, so hat er sich getäuscht. Aber was hatte er sich gedacht? Noch härter formuliert, hat er überhaupt etwas gedacht? Es fällt schon schwerer zu glauben, daß General von Schleicher nicht eigene Pläne hegt. Ehrgeizig und intelligent wie er ist, ist er der wirkliche Regierungschef. Er hat mit Hitler verhandelt. Nie­mand kann wissen, was er von ihm bekommen hat. Wahrscheinlich versu­chen der General und der Anstreicher5 sich gegenseitig hinters Licht zu füh­ren; sie spinnen die feinsten Fäden; vielleicht werden die Wahlen über den Sieger entscheiden.6 Die Nazis werden Stimmen gewinnen, aber sie haben wenig Chancen, allein die absolute Mehrheit zu erhalten. Aber sie haben eine gute Möglichkeit, sie mit Hilfe der alten Nationalisten (den Deutsch-Nationa­len) zu bekommen. Allerdings unter der Voraussetzung: 1) daß sich die in Süddeutschland abzeichnende Revolte gegen das Preußentum nicht zu stark entwickelt; 2) daß das Regime von Papen nicht die Zeit hat, den Wählern vor der Abstimmung noch die Illusionen zu rauben. - Auf welcher Grundlage würde sich die nationalistische Koalition einrichten, wenn sie Wirklichkeit würde? Das ist schwer auszumachen. Hier und da wird von einer Restaura­tion der Hohenzollern gesprochen: zweifellos hegen einige Junker derartige Projekte, aber ich zweifle sehr stark an ihrem Erfolg. Die ganz entschiedene Mehrheit des deutschen Volkes will keine Wiederherstellung der Monarchie (die Schwierigkeiten nicht eingerechnet, die sich mit Bayern ergäben). Und es ist zweifelhaft, ob von Schleicher sich mächtig genug fühlt, ein solches Abenteuer zu wagen. - Und auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, daß die Nationalsozialisten an dem Tage, an dem sie an der Macht sind, sich unumwunden mit den Kapitalisten verbünden und ihre Versprechungen, d.h. den wirklichen Willen ihrer Anhänger, verleugnen würden. Und an diesem Tage könnten sehr wohl die Proletarier und die Proletarisierten, die in Mas­sen an der Hitler-Bewegung teilnehmen, revoltieren. Aber diese Neugruppie­rung der Volkskräfte auf der Linken ist nicht so bald in Sicht; zunächst ist es notwendig, daß das Experiment des „nationalen Systems" durchgeführt wird. Im Augenblick gehorchen alle diese Leute blind dem „Führer" (Deutsch im Original, J.S.) und sie werden ihm weiterhin blind gehorchen. Denn die fanatisierten Massen verfügen über die bewundernswerte Fähigkeit, die Reali­tät nicht mehr wahrzunehmen. Und in der deutschen Politik geht es ebenso sehr um Gott wie um Brot.

R.A.

 

 

1       Die Konferenz von Lausanne vom 16. Juni bis 9. Juli, die ursprünglich schon Ende Januar hätte stattfin­den sollen. Vor Ablauf des Hoover-Moratoriurns (30. Juni) sollte hier eine dauerhafte Regelung der Re­parationsfrage gefunden werden.

2      Dies wird von Aron später völlig in Abrede gestellt werden. Der demokratische Politiker sollte im Gegenteil die Vorstellungswelten der Politiker anderer Regime sehr genau kennen!

3      Hier die Ursache für Arons Ablehnung eines präsidentiellen Regimes für Frankreich in den Verfas­sungsdiskussionen 1944? Vgl. etwa seinen Artikel „L'ombre des Bonapartes" (August 1943), jetzt in Raymond Aron: Chroniques de guerre; Paris: Gallimard 1990.

4      Flüchtigkeitsfehler Arons: Im September 1930 waren die Wahlen, der Reichstag wurde am 18. Juli 1930 aufgelöst.

5      „peintre en bätiment": Anspielung Arons auf Hitlers erfolglose Betätigung als Kunstmaler in Wien vor dem Ersten Weltkrieg.

6      Die Reichstagswahlen am 31. 7. 1932.

Nachfolgenden Artikel schrieb Aron im Januar 1932 aus Berlin für die pazifistische Zeitschrift „Libres Propos“ in Paris. Er appelliert an die französische Politik, in der Frage der Reparationen und der Kriegsschuldfrage endlich Zugeständnisse zu machen, um der Demagogie der Nationalsozialisten nicht weiteren Vorschub zu machen. Das Geld aus den Reparationen werde Frankreich ohnehin nicht mehr erhalten. Also solle man wenigstens versuchen, mit Zugeständnissen die republikanischen Kräfte zu stärken. Hier kündigt sich eine pragmatische Haltung gegenüber dem politischen Handeln an, die für Aron in den kommenden Jahrzehnten seines publizistischen und wissenschaftlichen Wirkens charakteristisch werden sollte.

 

Den Text vom März 1931 finden Sie weiter unten auf dieser Seite.

 

Die Texte sind in deutscher Übersetzung enthalten in:

Raymond Aron: Über Deutschland und den Nationalsozialismus. Frühe politische Schriften 1930-1939, herausgegeben von Joachim Stark, Opladen, Leske & Budrich 1993

 

 

 

 

Text Nr. 9, Libres propos, Januar 1932

 

Über das Problem der Reparationen

 

Ein „Beobachter außerhalb der Welt" könnte sich heute an einem drolligen Schauspiel erfreuen. Allesamt vom Bankrott bedroht, diskutieren die Staaten wochenlang über eine technische Prozedur, die zu dem offensichtlichen Re­sultat führen wird: nichts wird bezahlt werden.1 Mythische Milliarden entfes­seln mehr denn je die nationalistischen Leidenschaften.

Eine Sache ist so gewiß, wie sie in der Politik überhaupt gewiß sein kann: wir werden keinen Pfennig mehr erhalten.2 Das beste, was wir erhoffen kön­nen ist, daß wir gerade genug erhalten, um die Amerikaner zu bezahlen. Hier erweist sich der monumentale Irrtum, der in der Reaktion auf das Hoover-Moratorium begangen wurde. Unser Bestreben müßte dasselbe sein, wie bei den Deutschen: völlige Beendigung aller Zahlungen, Reparationen und inter­alliierten Schulden.

Deutschland ist darin einig, nichts mehr bezahlen zu wollen.3 Warum? Weil es glaubt, nicht mehr bezahlen zu können (die große Masse jedenfalls ist davon überzeugt). - Weil es glaubt, schon genug, ja sogar zuviel bezahlt zu haben (in den deutschen Zeitungen wird ständig wiederholt, daß Frank­reich bereits sehr viel mehr erhalten hat, als den Betrag der Reparationen: in der nächsten Ausgabe werden wir eine vergleichende Untersuchung der deut­schen und französischen Zahlen vorlegen). Weil es zu Recht oder Unrecht glaubt, daß die Reparationen eine der Hauptursachen seines Unglücks sind. -Weil es in ihnen das unerträgliche Zeichen der Niederlage und der Sklaverei sieht. - Weil sich um den „Tribut" herum alle Demütigungen und alle Revol­ten kristallisieren.

All diese Argumente sind anfechtbar. Nichtsdestoweniger existieren sie als psychologische und soziale Wirklichkeit. Alle deutschen Regierungen sind Gefangene dieser Leidenschaften und werden es in Zukunft sein. Sie werden sich weigern zu bezahlen, und sei es nur, um ihre Existenz zu retten.

Eine Lösung drängt sich in der Tat auf: Frankreich müßte die Haltung Englands einnehmen und von seinen Schuldnern lediglich das fordern, was es zur Bezahlung seiner Gläubiger benötigt. Dann, und nur dann, ist eine ge­meinsame Front der Europäer vorstellbar. Nur dann kann auf einen Sinnes­wandel der Amerikaner - bevor die Katastrophen eintreten - gehofft werden.

Welche Einwände könnte man dagegen erheben?

1) Moralische Einwände: „Heilige Schuld", „Gerechtigkeit", etc., etc.-Wie soll man sich auf die Gerechtigkeit berufen, wo man doch nicht weiß, wieviel Deutschland bis heute wirklich gezahlt hat. Und dann - was immer man auch dagegen wiederholen mag - die Schuld ist nur dann heilig, wenn man eine moralische Verantwortlichkeit des Angreifers annimmt, und nicht lediglich eine zivilrechtliche. Denn tatsächlich haben die englischen und französischen Geschütze auch Zerstörungen angerichtet. Und wäre es dann eigentlich gerecht, wie auch immer, daß drei Generationen von Deutschen für die Fehler des Kaisers und seiner Berater bezahlen? Angesicht dieser Probleme der Massen zögert das gerechte Urteil und muß jede dogmatische Formulierung ablehnen.

2) „Wenn es befreit ist, wird sich Deutschland in die Arme Hitlers werfen. Jedenfalls wird man damit dem künftigen Diktator die Aufgabe erleichtern." - Niemand kann sagen, ob solch eine Geste noch hinreicht, um den Sieg der Nationalsozialisten zu verhindern. Aber jedenfalls würde man Hitler damit ein Mittel entwinden, mit dem er auf billige Weise eine gefährliche Populari­tät erlangen kann: Denn das ganze Land würde dem Diktator Beifall spenden, der dem Ausland ein Nein! zur Antwort gäbe.

3) „Aber dann verlieren wir jede Kontrolle und jede Möglichkeit, Druck auszuüben". - Zweifellos, aber genau darin liegt die Bedeutung der Geste.4 Erste Voraussetzung jeder Befriedung ist, Deutschland das Gefühl der Frei­heit zurückzugeben, ihm das Alibi des „französischen Shylock" zu nehmen


und es ihm unmöglich zu machen, im Haß gegenüber dem Ausland seine in­nere Zwietracht zu vergessen.

Alles in allem genommen muß man sich entscheiden: man kann den Din­gen in der Weise ihren Lauf lassen, daß sie sich verschlimmern. Man kann darauf warten, daß die deutsche Krise sich verschärft und auf die Ohnmacht eines zerrissenen und geschwächten Deutschland hoffen. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, daß die Politik der Stärke5 wieder legitim wird, wenn es not­wendig sein sollte. Dies scheint gegenwärtig unsere Politik zu sein. Man kann sie unter der Voraussetzung verteidigen, daß man jeder wirklichen Aufrichtigkeit, jeder Annäherung, jedem Frieden, der diesen Namen ver­dient, abschwört. Aber die Verhandlungen werden nicht von Mal zu Mal leichter werden; sie werden mit jedem Tag unmöglicher. Die Haßgefühle häufen sich an. Wieviele Deutsche haben innerlich schon den nächsten, letz­ten Krieg akzeptiert - den nationalen Befreiungskrieg.

Wenn man glaubt, daß aus dem Durcheinander nichts Gutes erwachsen kann, wenn man sich weigert, an Europa zu verzweifeln, wenn man die Ver­ständigung mit einem freien Deutschland will, wenn man den deutschen Re­publikanern bis zur letzten Minute helfen will, dann sollten wir nicht nur ein paar Milliarden abschreiben, die wir ohnehin niemals mehr erhalten werden, sondern unsere gesamten Forderungen. Denn heute wird nicht über die Wege diskutiert, wie man Deutschland zum Bezahlen bringt, - Laval glaubt daran ebensowenig, wie die anderen6 -, sondern über das Recht, ihm alle zwei Jahre eine erneute Genehmigung zu erteilen, nicht zu bezahlen.

Freilich, nur keine Illusionen. Auf solch eine Geste - die in höchstem Ma­ße die Atmosphäre verbessern würde - würde Deutschland nicht mit einer Welle von Dankbarkeit reagieren.7 Aller Wahrscheinlichkeit nach würde es weiterhin „politische Garantien" ablehnen. Aber es ist noch immer Zeit, eine nicht mehr einzutreibende Schuldforderung sich moralisch auszahlen zu las­sen.

Auf die Gefahr der aus dem Gleichgewicht geratenen deutschen Industrie wird man so nicht antworten können. Aber heute ist selbst für eine ökonomi­sche Verständigung eine politische Entspannung notwendig.

Entweder man beginnt die Arbeit an der Basis, oder man überläßt sich dem Schicksal. Man muß sich entscheiden.

10. Januar 1932                                                                Raymond Aron

1 Aron meint vermutlich die Untersuchungen des Young-Plan-Konsultativrates, der sich auf Antrag der deutschen Regierung am 7. 12. 1931. am Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel versammelt hatte, und der in seinem Bericht vom 23. 12. zu dem Schluß gekommen war, daß die interna­tionale Finanzkrise nur durch eine sofortige Neubewertung und Gesamtlösung des Problems der interalli­ierten Schulden und der Reparationen gelöst werden könnte.

 

2 Aron bezieht sich höchstwahrscheinlich auf die Pressemeldungen vom 9. Januar 1932, denen zufolge Brüning gegenüber dem britischen Botschafter in Berlin erklärt hatte, daß Deutschland auf der Lausanner Konferenz (ursprünglich geplant für Ende Januar 1932) eine definitive Regelung des Reparationspro­blems anstreben müsse und daß Deutschland künftig keine Reparationen mehr zahlen werde. 'Reichskanzler Brüning, ein friedfertiger Mensch, hat es gerade vorgezogen, sich lieber selbst zum Spre­cher dieser einstimmigen Meinung zu machen, als sie von Hitler hinausschmettern zu lassen.- (Anmerk. der Red.) [Vgl. FN 2]

 

3 Anmerkung Arons: Reichskanzler Brüning, ein friedfertiger Mensch, hat es gerade vorgezogen, sich lieber selbst zum Sprecher dieser einstimmigen Meinung zu machen, als sie von Hitler hinausschmettern zu lassen.- (Anmerk. Der Red. [Vgl. FN 2]

 

4 Im Juni 1931 hatte Herriot in der Debatte über das Hoover-Moratorium in der AN erklärt, daß mit dem Fallenlassen der Pflichtannuitäten der französischen Regierung jedes „friedliche Druckmittel" („arme pacifique") genommen werde, um mit Deutschland über eine Politik der Annäherung und des europäi­schen Wiederaufbaus zu verhandeln. Vgl. Weill-Raynal, t. 3, (Text l, FN 4) p. 622. Bezüglich der „Geste" ist es denkbar, daß Aron den Artikel in der Depiche de Toulouse vom 3. Januar 1932 mit dem Titel: ,JLe grand geste" zumindest dem Inhalt nach gekannt hat. (Die Frankfurter Zeitung z.B. brachte in ihrer Abendausgabe vom 5. 1. 1932 eine Übersetzung dieses Leitartikels.) Der Artikel, der in der öffent­lichen Meinung Frankreichs ein starkes Echo gefunden hatte, forderte die Zustimmung Frankreichs zur vollkommenen und definitiven Einstellung der Reparationszahlungen, um Hitler im Vorfeld der Reichs­präsidentenwahlen eines seiner Hauptargumente zu entwinden. Vgl. Weill-Raynal, t. 3, p. 674.

5     Anmerkung Arons:  *Ich meine damit die erneute militärische Besetzung, die so viele Deutsche befürchten.

 

6 Anfang Dezember 1931 hatte das Kabinett Laval Zugeständnisse in der Reparationsfrage in Aussicht ge­stellt, um die Finanzprobleme des Reiches zu erleichtern. Gleichzeitig bestand man aber auf der Beibe­haltung des Prinzips der Reparationen, weil erstens Deutschland nicht für immer zahlungsunfähig sein werde, und zweitens, weil es den „heiligen Charakter der internationalen Vereinbarungen zu wahren" galt. Vgl. Weill-Raynal, t. 3, p. 659.

 

7      Anspielung auf die vorzeitige Rheinlandräumung im Jahre 1930, für die man in Frankreich vergeblich Anerkennung von deutscher Seite erwartet hatte.




Text Nr. 4, Libres Propos, März 1931

Brief aus Deutschland

Von Raymond Aron, März 1931

Köln, den 26. Februar 1931

Der Nationalsozialismus hat bis zu diesem Tage die politische Ideologie um eine Formel und eine „Synthese von Gegensätzen" bereichert. Die Formel: „Durch die Legalität zur Illegalität."' Das Volk wird uns an die Macht tragen. (Vorläufig läßt man den Volkswillen gelten.) Aber wir werden die Macht, die es uns anvertraut, entgegen den geltenden Gesetzen dazu benutzen, den wah­ren Staat der deutschen Brüderlichkeit wieder herzustellen.

„Synthese der Gegensätze": Der Nationalsozialismus vereinigt eine Pro­paganda mit Anklängen an den Kommunismus mit einer Rassenpredigt, er vereinigt die nationale, imperialistische Begeisterung (Groß-Deutschland, das die Vereinigung aller Deutschen verwirklichen soll) mit der Rechtfertigung der starken Regime: deutscher Idealismus gegen Jüdischen oder westlichen Materialismus", Mystizismus des arischen Blutes und der Gewalt gegen den Pazifismus der Schwachen und die Unreinheit der Fremden. Man könnte diese Antithesen vervielfachen, die, in nur wenig verfeinerter Form, täglich die Leidenschaft der Fanatiker nähren. Diese einfallsreiche Mischung er­möglicht es, von den Bourgeois das Geld zu erhalten, das man ihnen morgen, so brüstet man sich, durch diktatorische Gesetze entreißen wird. Es handelt sich um eine billige Ausnutzung all der durch den Krieg und die Nachkriegs­zeit im Herzen der Massen angesammelten Rachegefühle. Ein Gefühl be­herrscht diesen „Komplex". Die Verzweiflung bzw. diese verzweifelte Hoff­nung auf eine Veränderung („wir wissen nicht, welche Veränderung, aber so kann es nicht weitergehen"), und immer wieder diese Versuchung des Schicksals (man kann nichts dafür, und wer weiß, vielleicht eröffnet sich in der Katastrophe der Weg zum Heil). Und schließlich erfüllt die meisten Ak-tivisten, und dies verbietet, sie zu verachten oder ungerecht zu verurteilen, ein moralischer Wille zur Erneuerung, zur Hingabe und zum Opfer.

Aber die Anführer, wird man sagen, was wollen sie? Ohne Frage sind sie beim Faschismus in die Lehre gegangen: Ihr Problem ist nicht, ein präzises und vernünftiges Programm aufzustellen, sondern sich des Staates zu be­mächtigen. Erst danach wird die Erfahrung die Mittel zur Verwirklichung der starken, geeinten und reinen Nation lehren. Die Macht soll sich folglich auf ihrem Weg von den heutigen Tatsachen zum erträumten Ideal dem Zufall an­passen.

Mit welchem Ziel würden die Nazis regieren, wenn sie morgen Herren der Staatsgewalt wären? Würden sie eine Art numerus clausus oder sonst ein Ausnahmegesetz gegen die Juden schaffen, oder würden sie lernen, sich ein Bild vom Widerstand des jüdischen Kapitalismus zu machen? Würden sie den Antisemitismus ebenso auf dem Altar des Vaterlandes opfern, wie die Pläne zur Abschaffung der Banken und der Großunternehmen? Es soll genü­gen, diese Fragen aufzuwerfen und die Ungewißheit aufzuzeigen: Die Nazis rekrutieren ihre Truppen bei den Jugendlichen, den von der Krise betroffenen Kleinbürgern, den zur Arbeitslosigkeit verurteilten Arbeitern, den ehemali­gen Frontkämpfern. Die Hinwendung zum Kapitalismus würde nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten gehen.

„Dieser Fall2 wird unmöglich eintreten, zumindest aber wird er von Tag zu Tag unwahrscheinlicher?" Sicher, die letzten Wochen waren ungünstig für die Nazis. Curtius' Erfolg in Genf,3 dann diese undemokratische Regelung, die von den demokratischen Parteien als unvermeidliche Verteidigungsmaß­nahme verabschiedet wurde,4 die Flucht des Reichstags,5 schließlich der Bluff mit dem Diätenverzicht6 zugunsten der Arbeitslosen haben zumindest einen Stillstand herbeigeführt. Hier und da zeigen Regionalwahlen einen Rückgang an; einige Zeitungen haben wegen Geldmangel ihr Erscheinen eingestellt. Aber eine Gesamteinschätzung ist noch nicht möglich. Landtag und Regierung in Preußen bleiben Gegenstand des politischen Kampfes. Zu Befürchtungen scheint es keinen Anlaß zu geben, solange die „schwarz-rote" Koalition die „republikanische Festung" hält. Ein Putsch ist unmöglich und die Sozialisten werden weiterhin gemeinsame Sache mit Brüning machen... Keinesfalls sollte man vorschnell einem selbstgefälligen Optimismus nach­geben. Millionen von Menschen haben im Nationalsozialismus eine letzte Zuflucht vor ihrem Schicksal gesehen. Die friedliche Beilegung solch einer Revolte ist eine Hoffnung, vielleicht auch eine Utopie.

Die Nazis brüsten sich gerne damit, daß sie uns Angst eingejagt haben. Wenn sie an die Macht gelangten, würden sie die Gefahr des „Angstmachens" erkennen. Die Grenzbefestigungen im Osten richten sich nicht spe­ziell gegen sie.7 Die Flucht des Kapitals und der Kredite wären die Antwort auf ihre Prahlereien. Muß man daraus den Schluß ziehen, daß man sie am besten bekämpft, indem man ihnen jede Konzession verweigert, die heute als Schwäche angesehen würde? Das Ergebnis von Genf und die kürzlichen An­leihen8 sprechen für sich: Indem man den Weg vernünftiger Einigungen ein­schlägt, unterstützt man die Republikaner, gibt man den Deutschen Vertrauen in die Kraft der schrittweisen und friedlichen Lösungen.

„Also sind in jedem Fall Abrüstungsbemühungen absurd?" Gewiß, jede Politik beinhaltet Gefahren. Aber wenn man eine brutale Aggression eines nationalsozialistisch gewordenen Deutschlands ohne vorherige Provokation, ohne Vorzeichen, trotz der Garantieverträge für möglich hält, dann hieße das, an allem zu verzweifeln. Und andererseits, wenn man das Problem der Ab­rüstung so darstellt, wie M. Maginot: „die Angreiferstaaten dürfen nicht wie die schuldlosen Staaten behandelt werden",9 dann wird jede Übereinkunft unmöglich. Es erfordert den ganzen Hochmut des „absoluten Klerikers", um ebendort ein abschließendes Urteil zu fällen, wo die neutralen Historiker zö­gern. Jedenfalls kann und wird Deutschland niemals eine Friedensordnung akzeptieren, die auf seiner Alleinschuld basiert. Trotz der diplomatischen Schweigepflicht wird diese Frage wieder hochkommen, falls unsere Minister davon die Abrüstung abhängig machen wollen. Man muß sich also entschei­den: Entweder man nimmt Abschied von der Aussöhnung, oder man macht die Gleichberechtigung zu ihrer Grundlage. Und auch da gilt es zwischen einer militärischen Allianz, die so vielen konservativen Pazifisten teuer ist, und einer gleichgewichtigen Abrüstung zu wählen.

Das wäre erst nur ein Anfang. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen würden ein günstiges Klima vorfinden. Sicher, solange die wirtschaftliche Anarchie weiterbesteht, solange man um die Ausbeutung der Kolonien strei­tet, kann der Frieden, dieser labile Zustand, nur aus einem anhaltenden Wi­derstand resultieren. Man muß eine andere soziale Ordnung voraussetzen, um den Frieden als gesichert anzusehen. Aber die Gegensätze können sich ein­ander angleichen oder in den Krieg führen.

Und niemand macht sich Illusionen. Für die Beziehungen zwischen Na­tionen gibt es keine absoluten Prinzipien, die es erlaubten, alle Streitfälle ge­recht zu lösen. Es gibt Realitäten, und die Völker müssen existieren können, auch wenn sie sich selbst bestimmen. Bleiben noch die klaren Fälle, wo das ganz elementare Aufeinander-Angewiesensein die Antwort diktiert. Und auch die Berufung auf die Prinzipien ist ein Argument ad hominem gegen die Kleriker, die Verrat üben oder genauer, die sich weigern, die Dinge beim Namen zu nennen.

Schließlich ist die gleichzeitige Bejahung sowohl des Selbstbestimmungs­rechts der Völker als auch der gegenseitigen ökonomischen Verpflichtungen nur die Anerkennung des Ziels selbst: Organisation der wirtschaftlichen Verbindungen mit dem Ziel der freien Entwicklung der kulturellen Gemein­schaften. Das pazifistische Streben, diese Forderung des Individualismus, verbindet sich mit diesem Ziel: es weigert sich, „den Absolutismus des Vater­landes" anzuerkennen, es weigert sich, die Menschen den Idolen zu opfern oder, in marxistischer Ausdrucksweise, die „Entfremdung des Menschen" zuzulassen. Zurückweisung also des Krieges, sowohl in seiner unmenschli­chen Realität, als auch in seiner Ideologie, die die Haßgefühle und die Lei­denschaften wachruft, die es vielmehr auszulöschen bzw. zu veredeln gilt.

Eine Utopie? Zugegeben. Denken wir lieber an die heutige Aufgabe. Aber es ist notwendig zu verkünden, daß unser Pazifismus nicht konservativ, son­dern revolutionär ist.

Raymond Aron

 

1 Die folgenden Abschnitte könnten apropos einer Artikelserie über den Nationalsozialismus von Friedrich Franz von Unruh in der Frankfurter Zeitung (beginnend mit dem 22. 2. 31, 1. Morgenblatt) geschrieben sein.

2      Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.

3      Curtius konnte sowohl auf der Völkerbundsratstagung vom September 1930 als auch im Januar 1931 in­nenpolitisch verwertbare „Erfolge" erzielen: im September den Rückzug französischer Truppen (des Bahnschutzes) aus dem Saarland, im Januar hatte er mit seinem Protest gegen Terrorakte seitens des polnischen „Aufständischen-Verbandes" gegen die deutsche Minderheit in Polnisch-Oberschlesien Er­folg. Die polnische Regierung wurde daraufhin vom Völkerbund aufgefordert, ihre Verbindungen mit dem „Aufständischen-Verband" zu lösen. Curtius, Julius: Sechs Jahre Minister der deutschen Republik; Heidelberg 1948, p. 173ff.

4      *Sie suspendiert insbesondere die Sonderrechte der Abgeordneten. [Aron meint die Notverordnung gegen die radikale Agitation in Wort und Schrift, für die die Abgeordneten der NSDAP (vor allem Goebbels) und der KPD sich bei Beleidigungsklagen nicht mehr auf ihre Immunität berufen konnten, sowie die ge­gen die Agitau'onsanträge von NSDAP und DNVP gerichtete Änderung der parlamentarischen Ge­schäftsordnung, nach der Vorschläge zur Änderung des Haushalts nur noch eingebracht werden durften, wenn sie gleichzeitig mit entsprechenden Deckungsvorschlägen verbunden waren. Bei der Beschlußfas­sung über diese Gesetzesvorhaben am 10. Februar 1931 verließen NSDAP und KPD aus Protest den Parlamentssaal.]

5       Mitte Dezember 1930 hatte sich der Reichstag bis Anfang Februar 1931 vertagt.

6       'Sie hatten diese entweder schon erhalten oder hatten gar keinen Anspruch mehr auf sie. [Nach ihrem Auszug aus dem Reichstag wollten die nationalsozialistischen Abgeordneten einen Antrag einbringen, der ihre wegen Abwesenheit verfallenden Diäten den Arbeitslosen zur Verfügung stellen sollte. Diese Maßnahme wurde jedoch bald als „Diäten-Schwindel" entlarvt: 1) die Abgeordneten harten ihre gesam­ten Bezüge für den Monat Februar bereits abgehoben; 2) hatten sie nur die Überweisung ihrer wegen un-entschuldigten Fehlens einzubehaltenden Sitzungs-Tagegelder (zwanzig Mark pro Tag) beantragt. In sit- zungsfreien Perioden konnten ihnen somit gar keine Einbußen entstehen. Vgl. Frankfutter Zeitung, 14. 2. 31 (2. Morgenblatt), 16. 2. 31 (Morgenblatt).]

7      Aron meint die Maginot-Linie.

8      Am 23. 2. 1931 hatte die Assembte Nationale der Beteiligung französischer Banken an einem Kredit für die Reichsbank ihre Zustimmung erteilt.

9      Bezieht sich auf die Debatte des Heeresdtats in der Assemblee Nationale vom 25. 2. 1931, wo Maginot mit diesen Worten seinem Kritiker von der sozialistischen Partei gegenüber eine Senkung der Militäraus­gaben ablehnte. Er stellte damit eine unmittelbare Verbindung zwischen Kriegsschuldfrage und Abrü­stung her. Vgl. Frankfurter Zeitung (Abendblatt) vom 25. 2. 30.

 


 
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